Strategie · 25. Juli 2026
58 Prozent nennen KI-Weiterbildung als wichtigste Massnahme - was die Zahl misst und was nicht
Die EY-Umfrage vom 27. Mai 2026 (n=604) wird als Beleg für Schulungsbedarf zitiert. Gelesen wird dabei meist die falsche Frage. Eine Einordnung mit allen Zahlen im Original.
Offenlegung vorweg: Ich verkaufe KI-Schulungen. Eine Umfrage, die Schulungsbedarf belegt, ist für mich ein bequemes Argument - und genau deshalb schaue ich hier genauer hin als nötig. Alle Zahlen unten habe ich am 25. Juli 2026 selbst bei EY und beim KMU-Portal des Bundes abgerufen. Quellen am Ende.
Die Zahl, die gerade herumgereicht wird
Am 27. Mai 2026 hat EY Schweiz die Ergebnisse einer Umfrage unter 604 Personen aus Schweizer Unternehmen veröffentlicht. Der Wert, der es in Präsentationen geschafft hat, lautet:
58% nennen den Ausbau von Aus- und Weiterbildungsangeboten im Bereich KI als wichtigste Massnahme.
Als Anbieter könnte ich hier aufhören. Der Satz sagt scheinbar: Sechs von zehn Firmen wollen Schulung. Das sagt er nicht.
Der Satz davor entscheidet
Im Original steht der Wert in diesem Absatz:
Mit Blick auf die zukünftige Entwicklung formulieren die Befragten klare Erwartungen an Politik und Standortbedingungen. 58% nennen den Ausbau von Aus- und Weiterbildungsangeboten im Bereich KI als wichtigste Massnahme. Ebenfalls von grosser Bedeutung ist für 56% der Aufbau einer souveränen Schweizer KI-Infrastruktur, etwa in Form von Cloud- oder Rechenkapazitäten.
Die Frage richtete sich auf Erwartungen an die Politik, nicht auf das eigene Vorhaben. Die 58 Prozent sagen: Der Staat soll für mehr KI-Weiterbildungsangebote sorgen. Sie sagen nicht: Wir kaufen welche.
Das ist kein Wortklauberei-Argument. Der zweitwichtigste Wunsch in derselben Frage ist eine souveräne Schweizer KI-Infrastruktur mit 56 Prozent - eine Massnahme, die kein einzelnes Unternehmen selbst umsetzt. Die Antwortkategorien sind durchgehend Dinge, die man von aussen erwartet, nicht Dinge, die man selbst budgetiert.
Wer eigentlich befragt wurde
Der zweite Punkt, der in der Weitergabe verschwindet, ist die Zusammensetzung. EY nennt sie im Methodikteil:
| Firmengrösse | Anteil der Befragten |
|---|---|
| über 10’000 Mitarbeitende | 30 % |
| 1’000 bis 9’999 | 25 % |
| 250 bis 999 | 14 % |
| 10 bis 249 | 19 % |
| unter 10 | 12 % |
Mehr als die Hälfte der Befragten arbeitet in Unternehmen mit über 1’000 Mitarbeitenden. In Betrieben unter 250 Mitarbeitenden - der Grössenklasse, die in der Schweiz üblicherweise als KMU gilt - sind es 31 Prozent.
Das Portal kmu.admin.ch des Bundes hat die Ergebnisse am 15. Juli 2026 übernommen und bezeichnet sie als “Umfrage des Beratungsunternehmens EY unter 604 Mitarbeitenden”. Wer daraus eine Aussage über den Schweizer KMU-Sektor macht, verwendet eine Umfrage, in der Grossunternehmen die Mehrheit stellen.
Die Zahlen, die operativ mehr aussagen
Interessanter als die 58 Prozent sind drei andere Werte aus derselben Erhebung. Sie messen keine Erwartung, sondern einen Zustand:
- 89 Prozent nutzen KI-Lösungen im beruflichen Alltag. Die Adoptionsfrage ist damit beantwortet und braucht keine weitere Diskussion.
- 70 Prozent setzen integrierte Lösungen ein, also Microsoft Copilot oder Google Workspace mit Gemini. KI kommt in den meisten Firmen nicht als Projekt, sondern als Lizenz-Update.
- “Fast ein Drittel (29%) der Befragten dürfen KI über ihren privaten Account nutzen, beispielsweise bei ChatGPT.”
Der dritte Wert ist der, bei dem ich hängen bleibe. Über den privaten Account läuft kein Firmenvertrag, keine Datenverarbeitungsvereinbarung, keine Löschfrist und keine Auftragsdatenverarbeitung. Was dort an Personendaten hineingeht, hat das Unternehmen nicht mehr im Griff - und die Verantwortung nach DSG bleibt trotzdem beim Unternehmen. Wie das praktisch zu regeln ist, steht im Leitfaden zum DSG-konformen KI-Einsatz im Schweizer KMU.
Wie konkret der Unterschied zwischen privatem und geschäftlichem Abo wird, lässt sich an einem einzelnen Werkzeug durchspielen: Bei Claude Code entscheidet die Abo-Stufe darüber, ob Anthropic mit den gesendeten Inhalten trainiert und ob die Aufbewahrungsfrist 30 Tage oder fünf Jahre beträgt. Die Belege dazu stehen auf der Seite zu Claude Code und Ihren Firmendaten.
Dazu passt der Gegenwert: “Nur 3% der Befragten geben an, dass die Nutzung von KI in ihrem Unternehmen derzeit vollständig verboten ist.” Verbieten ist also praktisch vom Tisch. Und “Datensouveränität stellt für die Hälfte (51%) der Befragten ein wichtiges Thema dar.” Ein Bewusstsein für das Problem existiert; die 29 Prozent zeigen, dass es die Praxis noch nicht erreicht hat.
Was sich daraus ableiten lässt
Nüchtern und in dieser Reihenfolge:
- Die Adoptionsdebatte ist vorbei. Bei 89 Prozent Nutzung und 3 Prozent Verbot ist “sollen wir KI einsetzen” keine offene Frage mehr. Wer noch eine Grundsatzentscheidung vorbereitet, arbeitet an einem Problem von vorgestern.
- Das offene Problem ist die Regel, nicht das Werkzeug. 29 Prozent private Accounts bei 51 Prozent Datenschutz-Bewusstsein ist eine Lücke zwischen Wissen und Praxis. Diese Lücke schliesst man nicht mit einer Richtlinie im Intranet.
- Der Einstieg passiert über Copilot und Gemini, nicht über Spezialwerkzeuge. Wer schult, sollte dort anfangen, wo die Lizenzen schon liegen.
Was sich daraus nicht ableiten lässt
- Kein Budget. Die Umfrage misst an keiner Stelle, was Unternehmen für Weiterbildung ausgeben oder auszugeben planen.
- Keine KMU-Aussage. Siehe Grössenverteilung. Für die Frage, was ein Betrieb mit 40 Leuten braucht, ist diese Erhebung schwaches Material.
- Keine Dringlichkeit. “Wichtigste Massnahme für die Politik” ist eine Rangfolge unter vorgegebenen Optionen, keine Aussage über Zeitdruck.
- Kein Beleg für meinen eigenen Markt. Dass Befragte mehr staatliche Weiterbildungsangebote wünschen, ist eher ein Argument für öffentliche Programme als für private Anbieter.
Grenzen dieser Einordnung
- Der Befragungszeitraum ist nicht publiziert. EY nennt das Veröffentlichungsdatum, aber nicht, wann erhoben wurde.
- Der Fragebogen ist nicht öffentlich. Ich kenne den exakten Wortlaut der Frage nicht, nur die Zusammenfassung im Text - insbesondere nicht, ob Mehrfachnennungen möglich waren.
- Die Rolle der Befragten ist unklar. “Personen aus Unternehmen” beziehungsweise “Mitarbeitende” - ob Entscheidungsbefugnis vorlag, steht nirgends. Für eine Budgetaussage wäre das entscheidend.
- Es ist eine Anbieter-Publikation. EY verkauft KI-Beratung. Das disqualifiziert die Zahlen nicht, aber es gehört dazugesagt - so wie ich es oben für mich selbst dazugesagt habe.
Häufige Fragen
Ist die Umfrage brauchbar oder nicht?
Brauchbar für Zustandsfragen (wie verbreitet ist KI, über welche Kanäle, wie geregelt), schwach für Bedarfs- und Budgetfragen. Und nicht repräsentativ für Schweizer KMU.
Gibt es eine bessere Zahl für Schweizer KMU?
Ich kenne keine, die Schulungsbedarf direkt und mit publizierter Methodik misst. Wenn Sie eine haben, schreiben Sie mir - ich nehme sie gern auf.
Was ist mit dem NZZ-KMU-Barometer?
Das Kalaidos/NZZ-Barometer 2026 wird ebenfalls häufig zitiert. Ich habe es für diesen Beitrag nicht selbst geprüft und zitiere es deshalb hier nicht.
Sollte ich als KMU jetzt schulen oder nicht?
Die Umfrage beantwortet das nicht. Was sie liefert, ist ein Argument für eine kleinere und konkretere Frage: Wissen Ihre Leute, welche Daten in welches Werkzeug dürfen? Wenn die Antwort unsicher ausfällt, haben Sie das 29-Prozent-Problem, unabhängig von jeder Statistik.
Wo finde ich die Originaldaten?
Bei EY Schweiz im Newsroom, Beitrag vom 27. Mai 2026. Die Übernahme des Bundes steht auf kmu.admin.ch, publiziert am 15. Juli 2026. Beide Links stehen unten.
Praxis-Fazit
Die 58 Prozent sind eine echte Zahl aus einer echten Erhebung - sie beantworten nur eine andere Frage, als sie meist beantworten sollen. Wer damit Weiterbildungsbudget begründen will, sollte sie durch die 29 Prozent ersetzen: Fast ein Drittel der Befragten schiebt Firmendaten über private Konten, während die Hälfte Datensouveränität für wichtig hält. Das ist kein Statistik-Argument, sondern ein Befund, den Sie in Ihrem eigenen Betrieb in zwei Gesprächen überprüfen können.
Meine Einschätzung: Der wirksamste erste Schritt ist nicht eine Richtlinie, sondern eine gemeinsame Stunde, in der die Leute an ihren eigenen Fällen sehen, welche Daten wohin dürfen und welche nicht. Genau das ist der Kern der KI-Schulung für Teams - der DSG-Rahmen kommt darin vor den Werkzeugen, nicht danach. Was in der Praxis am häufigsten schiefgeht, habe ich in ChatGPT im Unternehmen: 6 Fehler gesammelt.
Quellen (selbst abgerufen am 25. Juli 2026):
- Künstliche Intelligenz in Schweizer Unternehmen breit etabliert - doch viele stehen noch am Anfang der Skalierung (EY Schweiz) (27. Mai 2026) - Quelle für 58 %, 56 %, 89 %, 70 % und die Grössenverteilung
- KI setzt sich in Schweizer Unternehmen zunehmend durch (KMU-Portal des Bundes, kmu.admin.ch) (15. Juli 2026) - Quelle für 29 %, 51 %, 3 %
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