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KI-Trends · 7. August 2025 · Aktualisiert 19. April 2026

KI-Agenten: Was können sie wirklich?

KI-Agenten gehen weit über klassische Chatbots hinaus - sie planen, handeln und kombinieren Tools. Wie sie funktionieren, was sie können, und wie Sie sicher starten.

Autor

Reto Lutz

Geschäftsführer ai-edu

Von Chatbots zu Agenten

Während klassische Chatbots einzelne Fragen beantworten, arbeiten Agenten autonomer: Sie können Entscheidungen treffen, Aktionen ausführen und mehrere Schritte kombinieren, um ein Ziel zu erreichen.

Der fundamentale Unterschied lässt sich so zusammenfassen:

ChatbotAgent
Reagiert auf InputVerfolgt aktiv Ziele
Einzelne AntwortenMehrstufige Workflows
Braucht genaue AnweisungenInterpretiert Absichten
Keine AktionenFührt echte Aktionen aus

Ein Beispiel: Fragen Sie einen Chatbot “Buche mir einen Flug nach London”, antwortet er mit Informationen. Ein Agent hingegen sucht Flüge, vergleicht Preise, wählt die beste Option und bucht – mit Ihrer Bestätigung.

Wie Agenten technisch funktionieren

Hinter jedem KI-Agenten steckt eine Architektur aus mehreren Komponenten:

Der Agent Stack

Der Agent Stack: fünf Schichten
  1. 1
    Benutzer
    Startet den Auftrag in natürlicher Sprache, gibt Ziel und Rahmen vor.
  2. 2
    Orchestrierungs-Layer
    Zerlegt das Ziel, plant Schritte, führt Tool-Calls aus, prüft Zwischenergebnisse.
  3. 3
    LLM (Denkmotor)
    GPT-5.x, Claude 4.x, Gemini 3 - treffen die eigentlichen Reasoning-Entscheidungen.
  4. 4
    Tool-Schicht
    Browser, E-Mail, Kalender, Datenbanken, APIs - hier berührt der Agent die reale Welt.
  5. 5
    Memory / Kontext
    Langzeitgedächtnis, bisherige Interaktionen, Vektor-Stores - hält den Agenten über mehrere Runden konsistent.

Datenfluss: Anforderung oben, Tool-Ausführung unten. Memory speist rückwärts zurück in die Orchestrierung.

Die vier Ebenen im Detail

  1. Entwickler-Ebene: Tools wie GitHub Copilot und Claude Code helfen beim Schreiben und Testen von Code
  2. Wissensarbeiter-Ebene: Agenten unterstützen bei Recherche, Schreiben und Berichterstellung
  3. Workflow-Ebene: Plattformen automatisieren mehrstufige Geschäftsprozesse
  4. Kontroll-Ebene: Systeme sorgen für Sicherheit, Monitoring und Zugriffsverwaltung

Adoption und Marktpotenzial

Branchen-Berichte (z. B. McKinsey State of AI, IBM Institute for Business Value) zeigen für 2025 ein deutlich gestiegenes Adoptions-Niveau bei agentischen KI-Workflows - die genauen Zahlen variieren je nach Methodik und Branche. Die Treiber sind in allen Studien dieselben: Fachkräftemangel, steigende Lohnkosten und die zunehmende Leistungsfähigkeit der zugrundeliegenden LLMs.

Konkrete Markt-Indikatoren für KMU:

  • Die Mehrheit der grossen LLM-Anbieter (OpenAI, Anthropic, Microsoft, Google) hat 2024-2025 Agent-Frameworks lanciert.
  • No-Code-Plattformen (OpenAI Agent Builder, Microsoft Copilot Studio) senken die Einstiegshürde erheblich.
  • Spezialisierte Agenten-SaaS füllen Nischen (Vertrieb, Support, Recherche).

Wofür werden Agenten eingesetzt?

Software-Entwicklung: Der Spitzenreiter

In der Softwareentwicklung steigern Agenten die Produktivität um bis zu 126%. Konkrete Anwendungen:

  • Code-Generierung: Aus Beschreibungen wird funktionierender Code
  • Bug-Fixing: Automatische Identifikation und Behebung von Fehlern
  • Code-Reviews: Qualitätsprüfung und Verbesserungsvorschläge
  • Test-Erstellung: Automatische Unit- und Integration-Tests
  • Dokumentation: Code wird automatisch dokumentiert

Tools wie Claude Code oder GitHub Copilot sind heute Standard in vielen Entwicklerteams.

Business-Anwendungen

Auch ausserhalb der IT unterstützen Agenten:

Recherche & Analyse:

  • Wettbewerbsanalysen erstellen
  • Markttrends identifizieren
  • Dokumente zusammenfassen und vergleichen

Kommunikation:

  • E-Mails verfassen und beantworten
  • Meeting-Zusammenfassungen erstellen
  • Reports automatisch generieren

Organisation:

  • Termine koordinieren
  • Reisen planen und buchen
  • Aufgaben priorisieren

Kundenservice:

  • Anfragen kategorisieren und beantworten
  • Eskalationen erkennen
  • Follow-ups automatisieren

Die wichtigsten Agenten-Plattformen 2025

PlattformStärkeIdeal für
Manus (Meta)Vollautonome AufgabenEnterprise-Automatisierung
Claude Computer UseDesktop-KontrolleKomplexe UI-Aufgaben
OpenAI OperatorBrowser-AutomatisierungWeb-basierte Workflows
DevinSoftware-EntwicklungCoding-Teams
AutoGPTOpen Source, flexibelExperimentieren

Chancen und Grenzen

Was Agenten gut können

  • Repetitive Aufgaben: Alles, was klaren Regeln folgt
  • Datenverarbeitung: Sammeln, strukturieren, analysieren
  • Multi-Tool-Workflows: Verschiedene Systeme koordinieren
  • 24/7 Verfügbarkeit: Keine Pausen, kein Urlaub
  • Konsistenz: Gleiche Qualität bei jeder Ausführung

Wo Agenten (noch) scheitern

  • Kreative Entscheidungen: Echte Innovation braucht Menschen
  • Emotionale Intelligenz: Komplexe zwischenmenschliche Situationen
  • Unbekannte Situationen: Wenn keine Regeln existieren
  • Ethische Urteile: Wertentscheidungen bleiben beim Menschen
  • Langfristige Planung: Strategische Weichenstellungen

Kritische Erfolgsfaktoren

KI-Agenten sind nur so gut wie:

  • Die Daten, auf die sie zugreifen
  • Die Regeln, nach denen sie handeln
  • Die Ziele, die ihnen gegeben werden
  • Die Kontrolle, die Menschen ausüben

Governance für Schweizer KMU

Bevor ein Agent produktiv geht, müssen vier Schweizer Spezifika geklärt sein:

  • DSG Art. 21 - bei automatisierten Einzelentscheidungen mit Personenbezug (Bewerbung, Tarifierung, Reklamation) ist eine menschliche Überprüfungs-Möglichkeit Pflicht. Eine “stille” Vorsortierung ohne Eskalations-Pfad ist nicht zulässig.
  • DSG Art. 22 - bei sensitiven Daten (Gesundheit, Religion, biometrische Daten) ist eine Datenschutz-Folgenabschätzung vor produktivem Einsatz erforderlich.
  • DPA mit dem Plattform-Anbieter - Auftragsdatenverarbeitungs-Vertrag nach Art. 9 DSG, mit klaren Trainings-Use- und Löschungs-Klauseln.
  • FINMA-Implikationen - Banken, Versicherungen und Vermögensverwalter mit FINMA-Bewilligung müssen Aufzeichnungs- und Auslagerungs-Pflichten gegen den Agenten-Einsatz prüfen. Hier reicht ein Pilot ohne Compliance-Abstimmung nicht.

Vertieft im DSG-Leitfaden für Schweizer KMU.

So starten Sie mit Agenten

Phase 1: Verstehen (1-2 Wochen)

  1. Testen Sie kostenlose Tools (ChatGPT, Claude Free)
  2. Identifizieren Sie repetitive Aufgaben in Ihrem Alltag
  3. Dokumentieren Sie: Was kostet diese Aufgabe heute?

Phase 2: Pilotieren (4-8 Wochen)

  1. Wählen Sie EINEN Prozess mit klarem ROI
  2. Definieren Sie Erfolgskriterien (Zeit, Qualität, Kosten)
  3. Starten Sie mit einem kleinen Team
  4. Messen Sie kontinuierlich

Phase 3: Skalieren (laufend)

  1. Best Practices dokumentieren
  2. Weitere Use Cases identifizieren
  3. Team schulen
  4. Governance aufbauen

Fazit

KI-Agenten eröffnen enorme Produktivitätsgewinne – wenn sie richtig eingesetzt werden. Der Schlüssel liegt in:

  • Klaren Zielen: Was soll der Agent erreichen?
  • Passenden Prozessen: Nicht alles eignet sich für Automatisierung
  • Menschlicher Kontrolle: Agenten als Assistenten, nicht als Ersatz

In meinen Schulungen beleuchte ich sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen dieser Technologie – und zeige Ihnen, wie Sie konkret starten.


Quellen: